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Chris Garrett im Interview mit Radio Luzern vom 16. Oktober 2020

 

Wie Corona die Gesellschaft weiter polarisiert und online zunehmend spaltet

 

Meinungen verkommen zur Billigware. Jede*r hat eine und möchte sie loswerden.“

 

„Hebet zäme“ ruft eine junge Frau laut gellend in die Menge. Immer wieder wiederholt sie ihren Aufruf. Wie ein Mantra. „Haltet zusammen!“. Dann ruft sie dazu auf, sich gegenseitig an den Händen zu fassen. Nur wenige machen mit und sie wirkt dabei zunehmend wie in Ekstase und aufgebracht zugleich. Der Grund: Eine Corona Demo auf dem Zürcher Turbinenplatz. Marco Rima und Andreas Thiel werden gleich als Hauptredner ans Mikrophon treten und zu den versammelten Demonstranten sprechen. Und beide werden ihren Unmut über die Corona-Schutzmassnahmen kundtun und teils fragwürdige Aussagen machen. Wie z.B. Andreas Thiel, der sich derart eingeschränkt fühlt, dass er die aktuelle Schweiz mit der DDR vergleicht. Oder Marco Rima, der meint, dass früher alles besser war und mit „Death Or Liberty“ veranschaulichen möchte, wie die breite Masse der Schweizer Bevölkerung in seinen Augen in einen tiefen Schlaf verfallen ist und nicht merken soll, was gerade um sie herum passiert. Von Meinungsdiktatur oder einem bewussten Belügen des Volkes seitens der Regierung wird später noch die Rede sein. Und beide versuchen sich dabei in politischer Satire. Thiel, der sowas eigentlich könnte, versucht jedoch lieber die Menschen von der Harmlosigkeit von Corona zu überzeugen. Und Rima wirkt sichtlich bemüht, Schenkelklopfer zu generieren, was dann auch nur zaghaft gelingen will.

 

Um Andreas Thiel war es seit seinem misslungenen Auftritt bei Schawinski ruhig geworden. 2014 hatte er sich dort lautstark über den Koran echauffiert und versuchte, den Menschen seine Schlussfolgerungen und sein subjektives Empfinden von Wahrheit über diese „heilige Schrift“ nahe zu bringen. Aber eben auf eine unmögliche und herablassende Art und Weise. Auch von Marco Rima war in letzter Zeit nicht mehr viel zu vernehmen. Und plötzlich sind beide wieder präsent. Marco Rima zusätzlich durch fragwürdige Äusserungen zum Thema Corona, indem er via Videobotschaft die Ansteckungsgefahr von HIV/Aids mit der von Sars-Cov-2 vergleicht. Oder kürzlich, als er sich per Videobotschaft aus Sizilien an seine Fans wandte und sich lautstark über die italienischen Schutzmassnahmen ausliess. Und über Einheimische, die ihn freundlich baten, seine Maske doch bitte richtig aufzusetzen und auch die Nase abzudecken. Kurzum über Dinge, die eigentlich niemanden interessieren dürften. Und doch hatte der Post nach kurzer Zeit über 7000 likes auf Facebook. Es gab aber auch viele kritische Kommentare, von welchen Rima nur auf den mit dem grössten Zuspruch reagierte. Wiederum wirkte das unbeholfen und weltfremd, was er dort von sich gab. Er sei gesund. Und was er für die Gesellschaft tue, sei selber gesund zu bleiben. Er stärke sein Immunsystem, was seiner Meinung nach alles sei, was zur Zeit nötig sei. Und dann folgt auch sein Mantra. „Vergesst die Masken“. Und ergänzt, dass das alles nur Panikmache sei.

 

Thiel und Rima stehen in der Schweiz sinnbildlich dafür, was in Deutschland Attila Hildmann, Xavier Naidoo oder Michael Wendler verkünden. „Vergesst Corona! Der Staat will eine Corona Diktatur errichten. Covid-19 ist nicht gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe.“ Aussagen, welche auch an den Berliner Demos von „Querdenken-711“ erklangen. Eine Demoreihe, die geradezu übersät war mit Rechtsextremen und sogenannten „Reichsbürgern“, welche fleissig die Flaggen des Deutschen Kaiserreichs schwenkten und die Stufen des abgesperrten Reichstag erklommen. Und die von den Querdenkern niemand gesehen haben will. Sie kennen die Bilder wahrscheinlich.

 

Alle diese Menschen verbindet ein trotziger, sinn- und hilflos anmutender Widerstand gegen die Corona-Schutzmassnahmen. Und natürlich gegen deren populärstes Element: Die Maske. Ein Stück Stoff bringt diese Menschen und ihre Fans förmlich in Rage. Doch wieso folgen auf dieses Thema dermassen starke bis heftige Reaktionen und endlose Diskussionen? Das haben wir Chris Garrett gefragt. Er arbeitet als selbständiger Coach und Berater in eigener Praxis in Baar und Berlin. Zudem ist er als Dozent für Themen der Wirtschaft oder arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Belange und natürlich Coaching tätig. Und er berät Firmen, Institutionen oder politische Organisationen in den Bereichen Kommunikation und Change Management. Seit Corona blogt er regelmässig für Berliner Facebook Communitys wie Stolpersteine und Together We Dance. Und für seine eigene Plattform „Dialectica“. Er stammt aus Zug und wohnt im Kanton Zürich. Seine Kritiker behaupten vehement, er sei ein in Berlin wohnhafter Kommunist. Und eine (Bill) Gates-Hure.

 

RL: Wie erklären Sie sich das, was sie da gerade selbst beschreiben?

 

CG: Die Maske ist für einige nicht mehr länger nur ein Hygieneartikel, der andere und uns schützen soll. Die Maskenfrage hat sich zur Glaubensfrage entwickelt. Für die einen steht sie für Solidarität und Nächstenliebe. Für die anderen symbolisiert sie Einschränkung und das Ende der „freien Welt“. Und natürlich das, was Coronagegner nicht mehr wollen: Corona. All der Lärm, welche diese beiden Lager erzeugen, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Maske für den Grossteil der Bevölkerung das ist was sie ist. Ein neues Accessoire, welches man wohl oder übel an immer mehr Orten tragen sollte und zunehmend auch muss.

 

RL. Wieso nehmen wir dann nicht die grosse Menge wahr, sondern ihrer Ansicht nach Minderheiten?

 

CG: Zum einen wegen Menschen wie Thiel, Rima, Hiltmann oder Roger Bittel und seinem Bittel-TV. Letzterer will eine Sammlung an alternativen Fakten bieten, ist aber in Wirklichkeit ein Fake-News Kanal. Einer, der seine Zuschauer allen Ernstes dazu auffordert, an Masken verstorbene Kinder zu erfinden oder wirklichen Fällen die Maske als Todesursache anzudichten und dies zu teilen. Das ging sogar soweit, dass eine betroffene und trauernde Familie aus Deutschland via Social Media eingriff und das alles im Bezug auf ihren Fall als Lügen strafte. Zum anderen aber auch, weil ein Grossteil der Kommentare auf Facebook, Instagram, Blick oder 20Minuten genau dieses Bild vermitteln. Was man dabei aber nicht vergessen darf, diese sind im Bezug auf die Gesamtbevölkerung nicht mal ansatzweise repräsentativ. Weder in Deutschland, noch in de Schweiz. Nur für die jeweiligen Kommentarspalten, welche immer mehr Menschen meiden. Weil dort aus verschiedenen Meinungen im Nu handfeste Meinungsverschiedenheiten werden.

 

RL: Wieso ist das so?

 

CG: Weil Meinungen teilweise zur Billigware verkommen. Frei nach dem Moto: Jeder hat eine und möchte sie loswerden. Das ist natürlich jederfraus und jedermanns Recht. Wenn aber sachliche Diskussionen relativ rasch wegen fehlenden Argumenten oder fehlender Quellen auf der persönlichen Ebene landen, entsteht oft Krach und es folgen nicht selten böse Worte oder Beschimpfungen. Ich beobachte online oft das Phänomen von viel Meinung, aber wenig Ahnung. Speziell in medizinischen Belangen oder der Interpretation von Statistiken. Wir sind nun mal nicht alle Virologen oder Pandemie Experten. Eine faktenbasierte Sachdiskussion wird zudem dann schwierig, wenn jede Seite die Fakten anders auslegt. Oft natürlich zu ihren Gunsten. Somit werden Fakten zu Meinungen und zu subjektiven Gefühlen von Wahrheit. Und nicht selten zu gesellschaftspolitischen Statements. Maskenträger gleich Schlafschaf, Maskengegner gleich Aluhut. Für die breite Masse ist die Maske aber ein mehr oder weniger willkommenes Übel, das uns aber auch offen und gut sichtbar signalisiert, dass etwas nicht so ist, wie es für immer mehr Menschen auch sein sollte. Dinge oder Sachverhalte zu hinterfragen finde ich grundsätzlich richtig und sehr wichtig. Aber dann bitte frei von Ideologie oder persönlichen Gefühlen von Wahrheit. Sich Fakten zu beschaffen und Quellen zu prüfen sind enorm wichtig geworden. Und natürlich, diese auch so weit wie möglich wertfrei und unvoreingenommen zu beurteilen. Wichtig finde ich die Bereitschaft, den derzeitigen Standpunkt ggf. wieder zu verlassen, wenn sich die Faktenlage diesbezüglich geändert hat. Und sich immer zu Fragen, ob man ein Teil des Problems oder der Lösung sein will.

 

RL: Wie gehen Sie mit Fakten um und wie erleben Sie die Pandemie?

 

CG: Zu Beginn des ersten Lockdowns war ich geschäftlich in Berlin. Den Rückflug nach Basel für den 19. März musste ich dreimal umbuchen, bis es klappte. Und in Berlin erlebte ich, wie eine Metropole Schritt für Schritt runterfährt. Das empfand ich als eindrücklich und durch die Ungewissheit in Sachen Heimkehr zugleich beängstigend. Vor meiner Reise nach Berlin hielt ich die Empfehlungen und ersten Massnahmen eher für übertrieben. Speziell die Grenzschliessung zu Italien irritierte mich. Aber schon wenig später stellte sich dieser Schritt als dringend notwendig heraus. Seither habe ich mich mehr mit dem Thema Corona und seinen Auswirkungen auf die Gesellschaft befasst. Die Gefahr durch Corona, speziell für ältere Menschen oder solche mit gesundheitlichen Problemen, sehe ich und trage selbst seit Anfang September die Maske zum Einkaufen. Soviel ich kann, arbeite ich zuhause. Zudem setze ich mich auf meinen Onlinekanälen für die konsequente Einhaltung der AHA-Regeln ein. Zum Glück mit laufend weniger Gegenwehr. Geschäftlich bin ich stark betroffen. Der Schulungsbereich ist vielerorts zusammengebrochen. Und natürlich auch nationale und internationale Veranstaltungen, an welchen ich jeweils als Gast oder Dozent eingeladen war. Die Schweiz habe seit dem 19. März 2020 nicht mehr verlassen und ich werde meine Berliner Filiale schliessen müssen. Menschenansammlungen meide ich. Und meine Einkäufe erledige ich zu Randzeiten. Wirklich eingeschränkt fühle ich mich aber nicht. Am wenigsten durch die Maske. Das Gezeter darum wirkt auch mich zunehmend irritierender.

 

RL: Und wie lautet ihr Fazit? Was ist ihrer Meinung nach zu tun?

 

CG: Das Integrieren und sich Einverleiben von Abstand halten, Hände waschen, Innenräume regelmässig Lüften und Maske tragen in unseren Alltag. Eigentlich simpel. Die Schönwetter Periode von Mitte März bis Anfang Oktober ist vorbei. Dass diese Regeln in Innenräumen nur noch halbherzig umgesetzt werden, zeigen die explodierenden Corona Fallzahlen und die neue Dynamik der Verbreitung. Luzern hat seit dem 17. Oktober endlich eine Maskenpflicht in Läden. Zug seit dem zehnten. Beide zu spät. Und andere Innerschweizer Kantone haben gar keine. Ob ein kantonales, 26-maliges Aufschreien über die Einführung einer Maskenpflicht sinnvoll ist, bezweifle ich. Auch dies trägt meiner Meinung nach dazu bei, dass die Maske ein mediales Dauerthema geworden ist. Und ganz heikel, dazu seine Meinung zu äussern. Ganz speziell auf Facebook, welches deutlich politischer unterwegs ist als seine kleine Schwester Instagram. Mittlerweile rate ich sogar zur Zurückhaltung via Social Media. Ich weiss von Drohungen aus meinem Netzwerk und habe schon selbst solche erfahren müssen. Wenn es denn sein soll: Ich-Botschaften. Ich denke, ich empfinde, ich nehme es so oder so wahr. So bleiben sie unangreifbar. Und lassen sie sich nicht in die Netze einspinnen, die das Gegenüber für Sie spinnt. Und wie beim Hinterfragen gilt auch hier: Kommen Sie zu einem Ende. Ihnen zuliebe.

 

RL: Was raten Sie unseren Leserinnen und Lesern?

 

CG: Kommentare und Meinungen auf Social Media oder in Kommentarspalten von Tageszeitungen nicht als Spiegel der Gesellschaft deuten. Denn das sind sie nicht. Wie auch den Äusserungen der Herren Rima oder Thiel nicht zuviel Bedeutung zuzumessen und sie als das zu sehen was sie sind. Meinungen auf äusserst dünner Faktenlage bis hin zu Hirngespinsten. Und natürlich empfehle ich, sich konsequent an die Empfehlungen der Corona Task-Force und des BAG zu halten, um einen zweiten Lockdown zu verhindern. Denn einen solchen werden wirtschaftlich zahlreiche Firmen und Betriebe nicht überstehen. Allen voran ein beachtlicher Teil der rund 500'000 Klein- und Kleinstunternehmen unseres Landes, die weder Kurzarbeitsentschädigung, noch EO erhalten. Und natürlich empfehle ich dies auch, um eine steigende Zahl hospitalisierter Menschen möglichst klein zu halten.  Zentral bleibt, gesund zu bleiben und auf sich selbst zu achten. Körperlich, wie auch mental. Und sich eines bewusst(er) zu werden: Ein Minimum an Disziplin und eine gehörige Portion Solidarität sind für eine Zeit lang unentbehrliche Rohstoffe. Auch gesunder Menschenverstand hilft. Das ist aber eine Blume, die offensichtlich nicht in jederfraus oder jedermans Garten wächst. Zurück zur Kunst: Auch Peach Weber oder Emil Steinberger fallen auf. Aber durch pointierte und geistreiche Aussagen. Und durch Kompetenz. Und beide können problemlos zugeben, mal etwas nicht zu wissen oder sich nicht dazu zu äussern. Emil hat zudem seine aktuelle Tournee aus Sorge um sich und sein Publikum abgesagt. Und Marco Rima? Der tritt bald in der Zuger Galvanik auf. Wohl unter dem Motto: „Mein Niveau ist tiefer als die Zuger Steuern“. Widersprechen möchte man da nicht. Und die Galvanik ist ein feines, aber kleines Lokal. Jedoch eines, dass er als Headliner eventuell zu füllen vermag. Und wenn nicht, lag das dann sicher nicht an ihm oder seinem zunehmend schrägeren Humor. Nein, dann lags natürlich an Corona. Und Bill Gates. Und der Diktatur. Und den Echsenmenschen. Bitte bleiben Sie gesund!

 

 

 

 

 

Ausgangslage

Am 2. April 2020 hat das Bundesamt für Gesundheit Schweiz (BAG) nach Rücksprache mit den Dachverbänden der Krankenversicherer entschieden, dass fachärztlich delegiert arbeitende psychologische PsychotherapeutInnen die ambulante Psychotherapie für PatientInnen mit einer psychiatrischen Diagnose während der Pandemie nicht telefonisch oder online fortsetzen dürfen. Für Telefon- und Onlinegespräche und alle weiteren Leistungen in Abwesenheit des Patienten stehen insgesamt 360 Minuten pro Halbjahr zur Verfügung. Dies ist nur eine Stunde pro Monat. Das darf nicht sein!

 

Anbei die Petition von Avaaz: https://secure.avaaz.org/de/community_petitions/bag_onlinetherapie_fuer_patientinnen_von_psychologischen_psychotherapeutinnen_ermoeglichen/


Angebot (pro bono)

Seit Montag, 6. April 2020 sind wir täglich zwischen 10:00 - 17:00 Uhr für Fragen, Tipps & Tricks, Rat & Tat oder einfach um zu reden unter +41 44 586 56 56 oder +41 43 321 98 11 für Sie da. Dies sind jedoch KEINE Notrufnummern! Video-Chats sind nach vorheriger Vereinbarung ebenfalls möglich.